Wissenschaftlich schreiben: Die wichtigsten Konventionen einfach erklärt
- Dr. Miriam Pahl
- 7. März 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. März
Besonders zu Beginn des Studiums bekommen viele Studierende das Feedback, ihr Schreibstil sei zu kolumnenhaft oder zu journalistisch – mit anderen Worten: nicht wissenschaftlich genug. Vielleicht stellst du dir selbst die Frage: Wie schreibt man eigentlich wissenschaftlich?
Eine schnelle Lösung bieten Listen mit typischen Formulierungen für Bachelor- oder Masterarbeiten. Doch wirklich wissenschaftlich schreiben lernst du nicht durch Phrasen – sondern durch das Verständnis der zugrunde liegenden Konventionen. Wissenschaftliche Texte folgen bestimmten Regeln und Mustern. Wer diese versteht, kann seinen eigenen Schreibstil gezielt weiterentwickeln.

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Konventionen wissenschaftlichen Schreibens
Wissenschaftliche Texte dienen der Wissensvermittlung. Die Sprache dieser Texte bemüht sich, möglichst exakt, eindeutig und wirkungsvoll zu sein (vgl. Kruse 2010, S. 95). Sie versucht, komplexe Sachverhalte verständlich, nachvollziehbar und objektiv darzustellen. Ein guter wissenschaftlicher Ausdruck verbessert die Qualität der Texte - sie werden eindeutiger, verständlicher und überzeugender. Deswegen ist es sinnvoll, dass du dich mit deinem eigenen Stil auseinandersetzt und ihn kontinuierlich verbesserst.
Das Festhalten und die Vermittlung von Wissen sind die wichtigsten Funktionen wissenschaftlicher Texte. Aus diesen Funktionen leiten sich die meisten Konventionen wissenschaftlichen Schreibens ab, von denen ich dir im folgenden die Wichtigsten vorstelle.
Wissenschaftlich schreiben heißt: Zentrale Begriffe definieren
Wissenschaftliche Texte wollen eindeutig und genau sein. Deswegen ist es wichtig, dass zentrale Begriffe einer Studie klar definiert werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Da es für einzelne Konzepte in den Disziplinen auch unterschiedliche Definitionen gibt, ist es notwendig, für den eigenen Text klarzustellen, mit welcher Definition man arbeitet.
Eine Definition hat immer drei Elemente: Einen Begriff, die dazugehörige Bestimmung des Begriffs und den Kontext, in dem diese Bestimmung gültig ist (Kruse S. 97).
Bestimmte Begriffe können in unterschiedlichen Disziplinen sehr unterschiedlich verwendet werden, und auch über die Zeit verschiebt sich womöglich die Bedeutung einzelner Termini. Dies macht deutlich, dass es nicht eine "richtige" Definition für einzelne Begriffe gibt, die in einer Disziplin als gegeben vorausgesetzt werden kann. Für zentrale Begriffe muss eine Definition ausgewählt und festgelegt werden, die ggf. auch von anderen Definitionen abgegrenzt wird.
In der Definition von Begriffen lehnen Autor*innen von wissenschaftlichen Texten sich meist an andere fachspezifische Definitionen an. Es ist wichtig, diese also nicht aus allgemeingültigen Quellen (bspw. Lexika) herauszusuchen, sondern aus Fachbüchern und Fachartikeln aus der eigenen Disziplin.
Was ist ein Modell, was ist ein Konzept, welche Rolle spielen diese Begriffe - und Definitionen - im Theorieteil deiner Arbeit? Hier lesen:
Wissenschaftlich argumentieren: So baust du nachvollziehbare Argumente auf
Ein charakteristisches Merkmal wissenschaftlicher Texte sind die Argumentationen, die sich darin finden. Während in einer face-to-face Diskussion Argumente von zwei oder mehreren Personen nach und nach eingebracht werden, erfolgt dies bei einer wissenschaftlichen Arbeit alleinig durch die Autor*in des Textes - mit Verweis auf die Arbeit anderer Personen. Das ist erstmal nicht intuitiv: Obwohl dir deine Position klar ist, musst du selbst andere Positionen einführen und belegen (während das in einer mündlichen Diskussion durch dein Gegenüber getätigt würde). Das bedeutet, dass du mögliche Einwände oder alternative Perspektiven nicht ausblendest, sondern aktiv in deine Argumentation integrierst. Auf diese Weise zeigst du, dass du den Forschungsstand kennst und dich reflektiert damit auseinandersetzt. In einer Argumentation sind unterschiedliche Positionen unerlässlich. Das bedeutet unter anderem, dass einseitige Darstellungen nicht ausreichend für wissenschaftliche Texte sind.
Gegenpositionen (zu den eigenen Argumenten oder denen anderer Wissenschaftler*innen) sollen möglichst respektvoll aufgeführt werden. Dafür ist es wichtig, einzelne Aussagen in ihrem Kontext, plausibel und verständlich darzustellen. Gegenpositionen oder Gegenargumente sollen ernst genommen und fair behandelt werden. Dazu gehört beispielsweise, dass Wissenschaftler*innen mit veralteten Positionen nicht das heute verfügbare Wissen hatten.
Gegenpositionen können dir helfen, deine eigene Position abzugrenzen und so zu schärfen. Indem du alternative Sichtweisen darstellst, zeigst du, dass du dich nicht nur selektiv mit Literatur auseinandersetzt, sondern den Forschungsstand in seiner Breite wahrnimmst. Gleichzeitig zwingt dich die Auseinandersetzung mit Einwänden dazu, deine Argumente präziser zu formulieren und besser zu begründen. Entscheidend ist dabei, Gegenpositionen nicht nur zu erwähnen, sondern sie argumentativ zu prüfen und nachvollziehbar zu erklären, warum du ihnen folgst oder widersprichst. Auf diese Weise wird deine Argumentation differenzierter und wissenschaftlich überzeugender.
Ein Argument hat, ähnlich wie Definitionen, immer mindestens zwei Elemente: Eine Aussage und einen Beleg. Vor allem in wissenschaftlichen Argumentationen werden Argumente also nicht anhand persönlicher Überzeugungen angeführt, sondern "unter Zuhilfenahme von wissenschaftlicher Literatur" (Kruse 2010 S. 104). Belege oder sogenanntes "Stützwissen" dienen dazu, um ein Argument zu untermauern.
Sich im wissenschaftlichen Diskurs positionieren
Wissenschaftlich zu schreiben bedeutet, sich innerhalb einer Wissens- und Diskursgemeinschaft zu positionieren. Denn das ist eine Grundfunktion der Wissenschaft: Meine Forschung baut auf die Erkenntnisse anderer Forscher*innen auf. Ich arbeite mit dem Gedankengut und den Ergebnissen anderer Wissenschaftler*innen, mit denen im wissenschaftlichen Diskurs durch Texte so etwas wie eine "ewige Konversation" gestaltet wird. Durch Bezugnahme auf andere Texte positioniert man sich möglichst in einer bestimmten Disziplin, deswegen sollte man unbedingt die Klassiker im eigenen Bereich kennen und einbeziehen. Bei der Definition wichtiger Konzepte sollte man sich an Definitionen aus der eigenen Disziplin anlehnen, die genau in diesem Moment auch explizit genannt werden können - "In der Sozialpsychologie gilt Resilienz als ..." Definitionen sollen also kohärent mit denen der eigenen Fachdisziplin sein.
Um nicht im luftleeren Raum zu schweben, kann man sich sehr klar in einem wissenschaftlichen Diskurs verorten. Dies erfolgt neben der oft beiläufigen Nennung der Disziplin ebenso über eine konsequente Bezugnahme zu Texten aus dieser einen Disziplin, und einer "Rechtfertigung" bzw. einer klaren Argumentation, warum man beispielsweise die Definition eines Konzepts aus einer anderen Disziplin heranzieht.
Die Selbstzuordnung ist in manchen Fällen nicht ganz so eindeutig, zum Beispiel wenn die eigene Arbeit zwischen zwei Disziplinen einzuordnen ist, oder wenn man in einem Bereich schreibt, der aus mehreren Disziplinen hervorgegangen ist. In den Gender-Studies beispielsweise kann eine Arbeit je nach Thema auch den Geschichtswissenschaften oder der Soziologie zugeordnet werden. In solchen Fällen ist es sinnvoll, ganz genau zu überlegen, wo man sich positionieren möchte - wo möchte ich hin mit meiner Arbeit, wo möchte ich wahrgenommen werden, welche anderen Wissenschaftler*innen sollen meine Arbeit lesen?
Richtig zitieren: Die Grundlage wissenschaftlichen Schreibens
Wie bereits oben dargelegt, bauen wir in wissenschaftlichen Texten auf bestehendes Wissen auf - wir verweisen und zitieren. In unseren Thesen übernehmen wir die Definitionen anderer, wir widerlegen vielleicht Ergebnisse, wir knüpfen an an die Argumentation oder untersuchen einen Aspekt einer anderen Studie, der bisher nicht berücksichtigt wurde.
Mehr dazu? Lies hier weiter:
Diese „anderen“ müssen wir erwähnen, also Textpassagen, die mit den Erkenntnissen anderer arbeiten, als solche kenntlich machen. Es ist die feine wissenschaftliche Art, die Arbeit anderer Forscher*innen anzuerkennen. Denn: Im Wissenschaftsbetrieb gilt nicht nur „publish or perish“; neben Veröffentlichungen sind Zitationen (also, zitiert zu werden) die harte Währung der Wissenschaft, in der sich zeigt, ob die eigene Forschung relevant ist.
Durch die Verweise und Verlinkungen von Texten entsteht ein riesiges, komplexes System, in dem jede wissenschaftliche Arbeit mit anderen Texten zusammenhängt. Deine Abschlussarbeit füllt nicht nur eine Forschungslücke; sie bildet auch neue Verknüpfungen zwischen Texten, die bisher nicht verbunden waren, und integriert sich so in das System von wissenschaftlichen Arbeiten.
In aller Klarheit: Ein Text, der sich nicht auf andere Texte stützt, ist eher ein Essay und kann nicht als wissenschaftliche Arbeit anerkannt werden. Ein Text, der mit anderen Quellen arbeitet, diese aber nicht angibt, ist als Plagiat zu werten.
"Neulinge" im Wissenschaftssystem, also Studierende im Bachelor- oder Masterstudium, sind oft zögerlich mit dem Zitieren, weil sie meinen, dass ihre Arbeit ja vor allem aus ihren eigenen Gedanken bestehen soll, damit sie einen Beitrag leisten. Diese Annahme ist aber nur die halbe Wahrheit: Mit Verweisen und Zitaten positionierst du dich, und indem du diese in Bezug zu deiner Arbeit setzt, leistest du deinen eigenen Beitrag.
Als Autor*in einen eigenen wissenschaftlichen Beitrag leisten
Deine Bachelorarbeit oder Masterarbeit sollte eine klar eingegrenzte Forschungsfrage bearbeiten, die auf einer von dir definierten Forschungslücke basiert. Indem du diese Frage mit deinem Projekt beantwortest, leistest du einen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs. Dieser Zusammenhang bedeutet auch, dass du eine wichtige Rolle in diesem ganzen Unterfangen spielst, und du klare Positionen vertreten musst. Du kannst nicht hinter deinem Text oder hinter deinen Zitaten, dem Wissen anderer, verschwinden. Du bringst dieses Wissen und deine Ergebnisse in Verbindung und schaffst damit etwas neues. Das ist dein Beitrag, und dieser Beitrag ist an deinen Namen gebunden.
Was bedeutet das für dein Schreiben? Deine Gedanken müssen klar von den Zitaten anderer abgrenzbar sein. Wenn du Positionen gegenüberstellst, sollst Du daraus Schlüsse für deine Forschungsfrage ziehen. Du sollst kritisch analysieren, welche Studien oder Theorien aus welchen Gründen für dein Forschungsthema wichtig sind - oder nicht. Auch wenn wissenschaftliche Texte konventionell nicht mit der ersten Person Singular arbeiten, ist es eine klare Aufgabe der Autorin, Forschung zusammenzutragen, gegenüberzustellen und zu hinterfragen. Diese Verantwortung zu übernehmen kann am Anfang beängstigend sein. Auf der anderen Seite ist so ein Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs auch eine Leistung, auf die man stolz sein kann.
Noch ein Satz zu Sammlungen mit wissenschaftlichen Formulierungen, die ich bereits eingangs erwähnte: Wenn du mit so einer Liste arbeitest, sollte dir bewusst sein, das bestimmte Formulierungen in unterschiedlichen Disziplinen nicht sehr gängig sind. Deswegen ist es sinnvoller, wenn du dir selbst so eine Liste erstellst. Arbeite dafür mit zwei bis drei Artikeln und markiere Formulierungen, die für dich hilfreich sind. Wenn du diese dann in eine Exceltabelle überträgst, erzielst du einen guten Lerneffekt - und kannst die Liste beständig erweitern und beim Schreiben zur Hand haben.

Über mich:
Ich bin Miriam, Expertin für wissenschaftliches Arbeiten, Lektorin für wissenschaftliche Texte und Schreibberaterin aus Bremen.
Mit meinem Lektorat Am Schreibtisch unterstütze ich Studierende und Doktorand:innen bei ihren Abschlussarbeiten und bei der Veröffentlichung ihrer ersten Fachartikel.
Mein Fokus liegt dabei auf einem präzisem Ausdruck, der komplexe Sachverhalte verständlich vermittelt.
Du willst, dass deine wissenschaftliche Arbeit nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern fundierte, analytische Argumentationen entwickelt? Dann schreib mir eine Nachricht - und lass uns in unserer Zusammenarbeit deine Forschung erfolgreicher machen.
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